1. Die Geschichte

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Copyright DSV aktiv Ski & Sportmagazin
mit freundlicher Genehmigung des Autors Dr. Gerd Falkner

Es scheint eine Modeerscheinung zu sein, sich mit Ritualen und Aspekten einer so genannten populären Religion zu befassen. Das steht im Zusammenhang mit der rapide voranschreitenden Transformation unserer Gesellschaft: Kaum ein Bereich gesellschaftlichen Lebens, der gegenwärtig nicht von Soziologen, Psychologen und Religionswissenschaftlern unter die Lupe genommen wird, ob sich Formen von Ritualen oder ursprünglich religiöser Kommunikation darin finden lassen und welche aktuelle Bedeutung ihnen zukommt. Es geht dabei auch um Fragen religiösen Handelns, um Säkularisierung (Trennung von Kirche und Staat) oder Spiritualisierung. Wie spiegelt sich im Alltag die Aufhebung zwischen Religiösem und Nichtreligiösem, die Entgrenzung religiöser Kommunikation wider? Als wechselseitiger Prozess: Populäre Religion nimmt Inhalte, Formen und Rituale auf, die dem Volksglauben oder der Alltagskultur entstammen. Andererseits wandern Formen und Inhalte des ursächlich kirchlich-religiösen Gutes in allgemeinkulturelle Bereiche aus, werden Bestandteil einer breiten, „globalisierten” Volks-/Massenkultur und so in einen anderen gesellschaftlichen Kontext gestellt.

Die Entgrenzung nimmt gar elementare Kulturformen an, die scheinbar keiner ursprünglichen Seite mehr zugeordnet werden können, die aber von verschiedenen Vereinen oder Gruppen („Zugehörigen”) unabhängig von einer Religions- oder Kirchenmitgliedschaft gepflegt und ritualisiert werden können. Das schafft Identität und Zugehörigkeitssinn unter diesen „Privilegierten”, die anhand von Statussymbolen oder Zugangsberechtigung zu Ritualhandlungen ihre Zugehörigkeit offenbaren.

Eine solche Gruppierung bildeten schon vor über 100 Jahren im deutschen Sprachraum die Skienthusiasten. Das „Skivolk” grenzte sich von „Unkundigen” ab. Man bediente sich aus Inhalten und Ritualen, die vordergründig dem religiösen Brauchtum entstammen. So gesehen, haben wir es keinesfalls mit einer Modeerscheinung zu tun. Schon gar nicht allein im Sport, wo es inzwischen zu den Gepflogenheiten nicht nur von Tennisspielern und Fußballprofis gehört, sich beim Betreten und Verlassen des Spielfeldes zu bekreuzigen. Wann bekreuzigt sich der erste Biathlet vor dem Schießen

 

Im ausgehenden 19. Jahrhundert etablierte sich der Skilauf im deutschsprachigen Mitteleuropa, sportartspezifisch und begleitet von einem milieuspezifischen Skibrauchtum mit populär-religiösem Bezug. Dieses Brauchtum hatte einen ernsten Hintergrund – erst recht, wenn Skibrauchtum und Traditionspflege skihistoriografisch unter die Lupe genommen werden: Es ging auch darum, Identität zu stiften, Gemeinschaftssinn und Wir-Gefühl zu stärken. Dabei kam es in der Brauchtumsausübung in großem Umfang zur Überführung populär-religiöser Inhalte und von Elementen der Volksreligion in das Skibrauchtum.

So wie sich in Bezug auf die ursprünglich indogermanischen Gottheiten in Skandinavien eine tief greifende Wandlung in den Zuständigkeiten und Beziehungen zu- und untereinander über die Jahrtausende hinweg nachweisen lässt, wo etwa vom 10. Jahrhundert an auch eine Vermischung mit christlichem Glaubensgut und Heiligenlegenden erfolgte, fanden sich ähnlich gelagerte Wandlungen und „Bearbeitungen“ erneut im ausgehenden 19. Jahrhundert in Mitteleuropa, als vor allem Ull zum Schutzgott oder Schutzpatron der Skiläufer stilisiert wurde. Damit im Zusammenhang stehend entwickelte sich gerade im deutschen Sprachraum unter Ski- und Bergsportlern eine regelrechte „Ullr-Kultur”. Aus „Ull” wurde wie in der Edda „Ullr” oder „Uller”. Und schon bald war es Sitte, eine fantasiegestaltete Abbildung, direkt als Ullr bezeichnet, an der Skikleidung, meist am Hosenbund, zu tragen. Ullr sollte dem Skifahrer als Talisman und Schutzpatron dienen, ihn vor Lawinenunfällen oder Knochenbrüchen bewahren. Die meisten Ullr-Medaillen trugen deshalb auf der einen Seite häufig die Abbildung des Gottes mit Ski an den Füßen sowie Pfeil und Bogen gewappnet und auf der Rückseite meist Schriftgravuren. Oft findet sich: „ In den Bergen bin ich dein Schutz!” oder „Wintersportler Schutzpatron”. Manch Skiläufer ging ohne Ullr nicht auf Skitour, und es war durchaus Gepflogenheit, den Ullr, einen vormals heidnischen Gott, mit Weihwasser zu besprengen, ihn gar segnen zu lassen, um seine Schutzwirkung zu erhöhen – ein Beispiel, das zeigt, wie sich vorchristlicher Götterglaube mit Elementen oder  Riten des Christentums vermischten. Solche Entwicklungen finden bis in die Gegenwart statt. 

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Der Ullr war auch Erkennungs- oder Markenzeichen. Wer ihn trug, war ein „Zünftiger”, zur Gemeinschaft des Skivolkes Dazugehörender, und dies noch in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Ullr? Unter Skisportlern allbekannt! Kaum ein Wintersportort, kaum eine Skivereinigung, die nicht irgendwann vor Jahrzehnten einen eigenen Ullr prägen ließ, was die Vielfalt der Prägungen erklärt. Aus fast jedem Skiort in den Alpen und in deutschen Mittelgebirgen lassen sich Ullr zusammentragen.

„Skadi” wiederum, die sich ebenfalls bestens als Skigöttin und Schutzpatronin geeignet hätte, hatte im männerdominierten frühen deutschen Skilauf wenig Chancen. Nur selten wurde eine Skadi geprägt. Die unten vorgestellte Medaille ist jüngeren Datums und das einzige Frauenabbild in der umfangreichen Sammlung des Deutschen Skimuseums.

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Die Nähe des deutschgeprägten Skibrauchtums zur populären Volksreligion widerspiegelt sich auch in der regionalen Verschmelzung von Skigott und Skiläuferschutzpatron Ullr mit anderen, im weitesten Sinne volkstümlich-transzendenten Wesen, wie dem populären Berggeist des Riesengebirges, Rübezahl, der eindeutig dortige Ullr-Darstellungen beeinflusste und weniger an die ursprünglichen nordischen Ullr-Darstellungen erinnert. Gut möglich, dass aus dieser Verschmelzung Rübezahls Abbildungen mit seiner Keule als Schutzpatron der Wanderer und Skiläufer resultieren! Daneben gab es seit dem späteren 19. Jahrhundert Darstellungen, die Rübezahl auf Ski zeigen: Von dort bis zu einer Ullr-Verschmelzung war es nur mehr ein kleiner Schritt.

Andere ursprünglich christlich-volkstümliche Prägungen, nicht nur einzig mit dem Skibezug, finden sich in Anlehnung an den heiligen Bernhard von Aosta. Er begründete das Hospiz auf dem St.-Bernhard-Pass, wurde im 12. Jahrhundert heilig gesprochen und galt von 1923 an als Schutzpatron der Bergsteiger, Alpenbewohner und Skifahrer. Viele Schutzmedaillen zeigen ihn mit Ski, etliche mit einem der Bernhardinerhunde.

Eine besondere Form der Verschmelzung von Elementen des Skibrauchtums mit religiösen Elementen ist das Skigebet: Auch eine vielfarbige Verknüpfung mit Aspekten populärer Religion bzw. der Volksreligiosität war und ist über Jahrtausende dafür prägend. Das wird an den verschiedenen Skigebeten deutlich.

Das Skigebet wurde beim ersten ergiebigen Schneefall, der ersten Skitour oder auch der ersten Schneetrainingseinheit gesprochen. Es drückte vor allem den Wunsch nach einem schneereichen, skiintensiven Winter ohne Verletzungen und Lawinenunglücke aus. Das wohl bekannteste und verbreitetste Skigebet wurde die Skipostkarte „Nr. 1” des Bergverlags Rother. Das rituelle Gebet diente dazu, Identität zu stiften. Dass darin der heilige Petrus als Wettergott angesprochen wird, ist auf die Volksreligion zurückzuführen, in der Petrus eben auch der Wettergott ist. Es wird vermutet, Petrus sei vom Volksglauben an die Stelle eines der vormals heidnischen Wettergötter, wie Donar oder Thor, gesetzt worden: Petrus als Bewahrer des Schlüssels der Himmelspforte. Und er bahnt, wenn er sie öffnet, dem Wetter den Weg.

Es gibt eine ganze Reihe von Variationen des vorgestellten Skigebets. Immer erzeugt es bei den Teilnehmenden das Empfinden, Bestandteil einer verschworenen Skigemeinschaft zu sein. Ein freudvolles Hochgefühl gehört zu diesem Ritual.

Ein Skigebet aus dem weit bekannten Skibrevier legt Zeugnis von der kulturellen und populärreligiösen Ursprungsvielfalt des Skigebets ab: Ull wird angerufen, wieder Petrus als „Wetterwart” in die Pflicht genommen und eine Bitte an Frau Holle gerichtet.

Vermutlich hatte der Schöpfer dieses schönen Skigebets das Märchen der Gebrüder Grimm, speziell die Szene des Bettenausschüttelns, im Sinn. Die Anrufung der Frau Holle führt am weitesten in die Anfänge religiöser Vorstellungen in den nördlichen Breiten zurück: Ziemlich sicher ist Frau Holle identisch mit einer der frühen Fruchtbarkeitsgöttinnen in der Zeit des Matriarchats, religionshistorisch noch vor Ull, Wodan und Odin anzusiedeln. Auch das beweist, wie populäre Religion skispezifisch zu allgemeinem Kulturgut und Brauchtum werden konnte und bleiben kann.

Rituale können zu allen Zeiten Antwort auf die Frage geben, wie eine Gemeinschaft ihren Zusammenhalt mit Hilfe kollektiver Werte stärkt, Tradition fortsetzt. Darin besteht auch eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben für Skivereine! 

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